Als heute morgen die Bestätigung auf meinem Tisch lag, war ich doch etwas aufgeregt. Schließlich sollte ich für die größte englische Musikzeitschrift “elektrobassist” mit meiner ersten heimlichen Liebe ein Interview führen. In einem Eiscafé traf ich mich mit Holger, Bassist und Mitbegründer von ABRAXAS. Es wurde ein lockerer Plausch mit allerlei Interessantem rund um dieses Urgestein der Rockmusik. Und ich muss gestehen – der Zauber von damals scheint nicht verflogen...

elektrobassist: Hallo Holger, schön dich zu sehen. Kannst du dich noch an euren Auftritt in der Schule erinnern, wo ihr noch mit zwei Schlagzeugern gespielt habt? Ihr hattet auch so’n geilen Banner mit eurem Bandnamen. Du hattest so ’ne dunkle Mütze...

Holger (perplex): ..ein Basketballnetzhemd über ‘nem T-Shirt‚ ‘ne schwarze Jogginghose und silberne Nikes mit ‘nem roten Streifen. Woher weißt du von diesem Gig. Das muss 1983 gewesen sein.

elektrobassist: Ich stand in der ersten Reihe und war ein glühender Fan von dir.

Holger: Eine von diesen kreischenden Sechstklässlerinnen, die auf meiner Seite standen? Denen hab’ ich am Ende des Gigs meine Mütze zugeworfen.

elektrobassist: Die Mütze habe ich leider nicht gefangen, aber gekreischt hab’ ich. Erzähle uns doch bitte wie es mit ABRAXAS angefangen hat.

Holger: Begonnen hat es im Frühjahr 1980. Sven und ich waren in der 9. Klasse und gerade in Schweden auf ‘ner Klassenreise. Er hatte so ne Ibanez Konzertklampfe dabei und konnte schon irrsinnig gut spielen. Ich fand es toll wie die Mädels am Lagerfeuer ihn anhimmelten. Irgendwie hatte er es drauf  (lacht). Zu der Zeit vertiefte sich unsere Freundschaft und ich verlor im hohen Norden meine musikalische Unschuld. Smoke on the Water auf der E-Saite. Man war ich groß (lacht). Zu Hause überzeugte ich meine Eltern mir eine Konzertgitarre von Ibanez unter den Weihnachtsbaum zu legen.1981 begann ich dann mit Unterricht. Der ging so’n halbes Jahr, dann war die Schule pleite. Gleichzeitig schmiedeten Sven und ich Pläne für uns’ren eigenen musikalischen Werdegang. Wegen Ermangelung elektrifizierter Klangkörper schaffte ich mir meine ersten Basslicks auf der Konzertgitarre drauf. Ich hatte so’n Buch mit Bluesphrasen von so ‘nem geilen farbigen Bassisten mit Afro-Look und 60er Klamotten mit Plateau Schuhen. Ich glaube der hatte `nen Rickenbacker. Sven hatte da schon eine E-Gitarre nebst Verstärkung. Meinen ersten Bass erstand ich so im Herbst `81. Eine Precision Kopie von Ibanez, den ich dunkelblau lackieren ließ. Der hatte schwarze Nylonsaiten. Die war’n ganz schön scheiße aber cool. Mein erster Verstärker war ein H’n’H Micro 30 mit einem schicken dunklen Holzgehäuse. Also voll wohnzimmertauglich. Wir trafen uns regelmäßig zu Sessions bei Sven oder mir zu Hause. Ich glaube unsere Eltern  mussten viel ertragen. Wir hörten Motörhead, Whitesnake, Saxon und AC/DC. Anfang 1982 gründeten wir dann BANDWURM. Unsere erste und einzige Band die später zu ABRAXAS werden sollte (1983/84 Umbenennung von BANDWURM zu ABRAXAS, Anm. d. Red.).

Wer noch genauer in die Geschichte der Band blicken möchte, wird hier fündig! Anm. d. Webmasters.

elektrobassist: Wenn ich mich an den Auftritt in der Schule erinnere, habt ihr schon früh mit anderen Sängern gearbeitet.

Holger: In den Anfangstagen hat Sven gesungen. Schließlich schrieb er alle Texte und konnte sie am Besten interpretieren. Unseren ersten und einzigen Auftritt als BANDWURM haben wir mit ihm am Gesang gehabt (1982 im Musikraum der Schule, Anm. d. Red.). Obwohl wir schon damals Wert auf Textinterpretation gelegt haben war Sven in erster Linie Gitarrist. Und Gitarristen sind Dudelheinis (lacht). Die gniedeln bis zum Umfallen um der Gitarrenpolizei (Gitarristen im Auditorium denen die Musik wurscht ist und nur auf die Hände des Gitarristen gucken, Anm. d. Red.) zu zeigen wo’s lang geht. Wenn man gleichzeitig singen muss, steht das Gitarrenspiel im Hintergrund.

elektrobassist: Zum Glück entwickelt man sich weiter.

Holger: Zum Glück. Irgendwann lernt man als Musiker, das der Song im Mittelpunkt steht und die Textinterpretation elementar ist. In der Vergangenheit gab es immer wieder Reibereien mit den Sängern was das betraf. Erst mit Steve Fairway hatten wir jemanden gefunden, der voll auf unserer Welle lag. Das war so um 1992. Leider nur für kurze Zeit.

elektrobassist: Hör’ ich da Wehmut in Deinen Worten? Du hast einmal gesagt die Zeit nach 1993 war das Beste was der Band passieren konnte.

Holger: Wir standen damals an einem Scheitelpunkt. Steve hatte bei uns als Sänger aufgehört und wir mussten eine Lösung finden. Die Zeit mit Steve war zwar kurz, aber sehr intensiv. Er ist ein klasse Sänger und hat der Band nicht nur musikalisch viel gegeben. Das Problem war, dass die musikalische Messlatte der Band ziemlich hoch war. Nach 11 Jahren Musik war ein Standard erreicht, von dem es kein Zurück mehr gab. Vor Steve hatten wir 5 Sänger und es gab immer das Problem der Sängersuche. Elendiges inserieren und unzählige Proben, die zu nichts führten. Dazu kommt noch die persönliche Ebene. Ohne die spezielle Beziehung der Musiker zueinander wäre ABRAXAS nicht denkbar. Außerdem standen wir vor der Planung unsere ersten CD “No way to heaven“. Ich erinnere mich noch wie wir bei mir zu Hause saßen und überlegten, wie es weiter gehen sollte. Letztendlich haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und uns entschlossen mit Sven als Sänger und Dröhning (Ulrich Döring, A.d.Red.), Lars und mir als Background weiter zu machen. Back to the roots.

elektrobassist: Warum war diese Entwicklung für die Band so wichtig?

Holger: ABRAXAS wurde wieder intensiver. Die Band wurde wieder zu BANDWURM. Um das zu verstehen, muss ich etwas ausholen. BANDWURM  bestand bei der Gründung aus fünf Mitgliedern, die alle auf die gleiche Schule gingen. Vier waren sogar aus einer Klasse. BANDWURM war eine Familie. Wir waren befreundet und erlebten viele Dinge gemeinsam die sich in unseren Texten wiederspiegelten. In den großen Pausen probten wir im Gruppenraum unserer Klasse. Es war alles unkompliziert und intensiv. Mit der Umbenennung zu ABRAXAS wollten wir erwachsener und zeitgemäßer sein. Der familiäre Charakter war zwar 1993 noch erhalten (vier Mitglieder waren noch aus der Gründerzeit dabei. Sven, Uli, Lars und Holger. Dröhning stieg 1987 ein) aber die schleichende Veränderung wurde mir erst nach unserer „Back to the Roots“ Entscheidung bewusst. Ich erinnere mich an unsere erste Probe nach der Stunde null. Sie war rau, laut und wir spielten und sangen so intensiv, wie lange nicht mehr. Es lag ein anderes Gefühl in der Luft. Es muss am Anfang schlimm gewesen sein. Mein Background war mies, Sven musste Gesang und Gitarre unter einen Hut zaubern, Dröhning verlor bei seinen Backgrounds schon mal den Beat und Lars’s Gesang stand meinem in nichts nach. Eigentlich haben wir wieder von vorne angefangen. Aber es war so geil. Wir hatten das BANDWURM Gefühl wieder gefunden und ich begann mich wieder mehr mit Svens Texten zu beschäftigen und eigene zu schreiben.

elektrobassist: 1996 kam es zur plötzlichen Trennung von ABRAXAS und Gitarrist Lars Lange was in der Musikbranche viele Gerüchte freisetzte.

Holger: Das war eine schwierige Zeit. Mit Lars habe ich viel erlebt und Musik gemacht. Seit der Gründerzeit von ABRAXAS bin ich mit ihm befreundet und er hat die Band genauso wie Sven und Uli geprägt. Es war eine reine musikalische Entscheidung ein Jahr nach unserer „No way to Heaven“ Präsentation, im Dezember 1996, getrennte Wege zu gehen. Privat verstehen wir uns weiterhin gut und haben viel Spaß wenn wir uns treffen. Ich freue mich, das uns Lars bei „the Road“ (neue CD von ABRAXAS, Anm. d. Red.) mit Ideen unterstützt hat.

elektrobassist: Was macht für dich ABRAXAS 2004 musikalisch aus?

Holger: Die Jungs mit denen ich musizieren darf. Sie sind alle über musikalische Zweifel erhaben. Sven arbeitet sehr professionell, spielt keinen Scheiß und weiß genau wie man die Seele einer Gitarren zum klingen bringt. Er hat’s einfach drauf. Gesanglich ist er unwahrscheinlich gut geworden. Ich bin froh, dass er den Schritt gewagt hat, den Gesangspart zu übernehmen und ABRAXAS in die Zukunft zu führen. Dröhning ist der Mann ohne Plan. Manchmal bin ich echt am verzweifeln. Eine Probe übste ‘was ein und beim nächsten mal ist es wieder vergessen. Aber der Kerl hat ‘nen sauguten Stil - ‘ne coole Hi-Hat Arbeit. Wenn Dröhning loslegt, rappelts im Karton. Uli hat den Plan. Er ist unser Multiinstrumentalist und der ruhende Pol in der Band. Brauchen wir ein neues Instrument für die CD, lernt er mal schnell Akkordeon. Gibt’s `ne Frage zu Technik, Akkorden oder Liedreihenfolgen, packt Uli seinen Plan aus. Unglaublich. Axel kommt musikalisch aus ‘ner ganz anderen Ecke als Sven. Für ABRAXAS ist sein Stil perfekt. Und - er hat immer eine musikalische Überraschung parat. Sein Sound und seine Spielweise bilden das Fundament für Sven und gibt der Musik den Klangteppich, den eine Gitarrenband benötigt.

elektrobassist: Zum Schluss noch eine Frage. Würdest Du noch einmal für mich den Westsong singen (die erste ABRAXAS Hymne, Anm. d. Red.)?

Holger (lächelt): Manchmal ist es besser in Erinnerungen zu schwelgen.

elektrobassist: Schade. Vielen Dank für Deine Redseligkeit.

Holger: Ich danke Dir für die nette Unterhaltung.